Interview mit Prof. Kaiser von WaVe

Interview mit Prof. Kaiser von WaVe

Interview mit Prof. Kaiser von WaVe

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Interview mit Prof. Kaiser von WaVe

Wie können Menschen ihre persönlichen Begabungen entdecken und daraus

Orientierung für ihr Leben, ihre Arbeit und ihr Engagement gewinnen?

Mit dieser Frage beschäftigt sich Prof. Dr. Werner H. Kaiser seit vielen Jahren. Der

Wirtschaftswissenschaftler lehrt an der Wirtschaftsuniversität Wien, ist Gründer und Leiter

von WaVe – Zentrum für Wachstum und Veränderung – sowie Entwickler des

BerufungscoachingWaVe®, das mittlerweile im deutschsprachigen Raum in Kirche, Bildung

und Beratung breite Anwendung findet.


? Prof. Kaiser, was verbirgt sich hinter dem Kürzel „WaVe“?

Hinter dem Kürzel WaVe steht das Grundprogramm unserer Begleitungsformen. WaVe

bedeutet „Wachstum und Veränderung“. Zugleich erinnert der Begriff an das englische Wort

wave, also „Welle“. Das ist für uns mehr als ein schönes Bild. Methodisch folgen unsere

verschiedenen

Begleitungsformen einem tiefgehenden Lernprozess, der sich in einer Art Wellenbewegung

vollzieht: Menschen kommen mit Fragen, Sehnsüchten, Übergängen oder Wendepunkten

in Berührung, sie vertiefen diese Erfahrungen, gewinnen neue Einsichten und entwickeln

daraus konkrete Schritte für ihr Leben oder für ihre Organisation.

Ein zentraler Begriff ist dabei für mich Resonanz. Im Berufungscoaching-WaVe geht es

nicht darum, Menschen fertige Antworten zu geben oder ihnen von außen zu sagen, was ihr

Weg sein soll. Vielmehr entsteht in einem guten Begleitungsprozess ein Resonanzraum, in

dem Menschen wahrnehmen können, was sie wirklich berührt, was sie innerlich ruft und

welche Zukunft für sie stimmig werden könnte.

Für mich bedeutet Berufung auch, mit jener besten Möglichkeit des eigenen Lebens in

Resonanz zu kommen, die vielleicht noch nicht vollständig sichtbar ist, sich aber bereits

leise meldet. Menschen tragen oft mehr Zukunft in sich, als ihnen selbst im Moment

bewusst ist. Berufungscoaching-WaVe hilft dabei, dieser Zukunft aufmerksam, ehrlich und

Schritt für Schritt auf die Spur zu kommen.


? Warum widmen Sie sich diesem Thema seit vielen Jahrzehnten so intensiv?

Das Thema Berufung und das Finden des je eigenen Lebensweges haben mich schon

immer sehr interessiert und fasziniert. Spirituell bin ich als Mitglied der pallottinischen

Gemeinschaft stark vom Verständnis Vinzenz Pallottis geprägt: Berufung ist nichts

Außergewöhnliches, das nur wenigen besonderen Menschen vorbehalten wäre. Jeder

Mensch trägt eine Berufung in sich, die es zu entdecken, zu entfalten und zu leben gilt.

Diese Berufung zu erkennen — oder vielleicht noch genauer: schrittweise zu lernen, wer ich

wirklich sein darf — ist allerdings gar nicht so einfach. Im Jahr 2000 bin ich durch einen

glücklichen Zufall auf den Bereich des systemischen Coachings gestoßen. Dieser Zugang

hat mich sehr fasziniert, und ich habe daraufhin umfangreiche Ausbildungen zum

systemischen Coach und weitere ergänzende Ausbildungen begonnen. Im Laufe dieser

Ausbildungen entstand dann — fast wie durch eine Eingebung — die Idee, systemisches

Coaching mit der Frage nach Berufung und dem Erlernen des je eigenen Lebensweges zu

verbinden.

Daraus ist das Berufungscoaching-WaVe als Methode entstanden. Diese Methode habe ich

in den vergangenen Jahrzehnten einerseits in der Praxis immer weiterentwickelt und

andererseits auch wissenschaftlich fundiert. Von meinem Grundberuf her bin ich

Wissenschafter und Professor für Wissensmanagement an der Wirtschaftsuniversität Wien.

So hat es sich über die Jahre fast zwangsläufig ergeben, diese beiden Welten —

Wissenschaft und Begleitungspraxis — miteinander zu verbinden. Heute inspirieren und

befruchten sie einander wechselseitig.

? Welche Schulungsprogramme gibt es? Und wie viele Menschen wurden von Ihnen

bereits ausgebildet?

Derzeit gibt es zwei Schulungsprogramme.

Unser „Flaggschiff“ ist der Lehrgang Berufungscoaching-WaVe. In diesem Lehrgang bilden

wir Menschen darin aus, die Methode des Berufungscoaching-WaVe so zu erlernen, zu

üben und zu vertiefen, dass sie später in der Praxis Menschen an Wendepunkten ihres

Lebens professionell, verantwortungsvoll und gut begleiten können. Im Herbst startet

bereits der 30. Lehrgang. Als wir 2006 damit begonnen haben, hätte ich mir das in dieser

Form nicht erträumt. An den

Lehrgängen haben bisher rund 250 Menschen teilgenommen. 209 Menschen wurden

inzwischen zertifiziert und sind damit befähigt, Berufungscoaching-WaVe in der Praxis

anzuwenden und anzubieten.

Das zweite Programm ist ein Lehrgang für die Begleitung von Organisationen bei der

Entwicklung einer gemeinsamen Vision und Orientierung. Die Methode, die ich dafür

entwickelt habe, heißt Vikobama. Sie baut auf demselben theoretischen Fundament auf wie

Berufungscoaching-WaVe, wendet diesen Zugang aber auf Teams und Organisationen an.

Mit diesem Schulungsprogramm sind wir erst vor zwei Jahren gestartet.


? In welchem Verhältnis stehen Pastorale Innovation und Berufungscoaching?

Pastorale Innovation und Berufungscoaching-WaVe stehen für mich in einem sehr

fruchtbaren und wechselseitig inspirierenden Verhältnis. Nicht umsonst bin ich auch in

regem Austausch mit Georg Plank, der im Bereich der pastoralen Innovation vielen

Menschen ein Begriff ist.

Berufungscoaching-WaVe — und in anderer Weise auch Vikobama — kann pastorale

Innovation konkret unterstützen, weil es nicht nur um neue Ideen oder Strukturen geht,

sondern um einen tiefgehenden Lern- und Entwicklungsprozess. Menschen und

Organisationen werden dabei unterstützt, genauer hinzuhören: Was ist wirklich wesentlich?

Wozu sind wir gerufen? Welche Zukunft will durch uns entstehen? Umgekehrt profitiert auch

das Berufungscoaching-WaVe vom Feld der pastoralen Innovation. Dort wird sehr deutlich,

dass Kirche heute neue Formen der Begleitung, der Beteiligung und der Zukunftsgestaltung

braucht. Genau an dieser Stelle können beide Zugänge einander bereichern.


? Was wird sich durch Ihren Ansatz bei Kirche kurz- oder langfristig verändern?

Ich denke, dass sich bereits etwas verändert hat. Seit vielen Jahren bilden wir Menschen im

Berufungscoaching-WaVe aus, und ein wachsender Anteil der Teilnehmer:innen kommt aus

dem pastoralen Bereich. In Deutschland sind inzwischen in mehr als zwei Dritteln aller

Bistümer Berufungscoaches-WaVe im Einsatz. Das hinterlässt natürlich Spuren.

Auf den Punkt gebracht: Kirche hatte und hat immer den Auftrag, für die Menschen da zu

sein. Sie soll nicht nur die Frohe Botschaft verkünden, sondern Menschen auch dabei

unterstützen, ihr eigenes Leben in Fülle zu entdecken und zu leben. Mit dem

Berufungscoaching-WaVe gibt es dafür ein strukturiertes, gut erlernbares und zugleich

tiefgehendes Werkzeug der Begleitung.

Das kann Kirche in kleinen, aber wirksamen Schritten verändern: hin zu einer noch stärker

zugewandten, hörenden und begleitenden Haltung gegenüber den Menschen. Kirche wird

dadurch nicht weniger geistlich, sondern im besten Sinn konkreter, näher und

lebensdienlicher.


? Wie können wir im Bistum Fulda konkret von Ihren Angeboten profitieren?

Aufbauend auf den Erfahrungen in vielen anderen Bistümern denke ich, dass das Bistum

Fulda vor allem davon profitieren kann, den eigenen „Werkzeugkoffer“ in der Begleitung und

Unterstützung von Menschen zu erweitern.

Berufungscoaching-WaVe bietet Methoden, die in die heutige Zeit passen und zugleich

wissenschaftlich sowie theoretisch gut fundiert sind. Es geht um eine Form der Begleitung,

die Menschen ernst nimmt, die ihnen Raum gibt und sie zugleich dabei unterstützt, zu

tragfähigen Entscheidungen, zu innerer Klarheit und zu einer stimmigen Orientierung für ihr

Leben zu finden.

Das Entscheidende ist dabei nicht nur die Methode selbst, sondern die Haltung, aus der

heraus begleitet wird. Berufungscoaching-WaVe schafft Resonanzräume, in denen

Menschen nicht vorschnell beurteilt, beraten oder funktionalisiert werden, sondern in denen

sie tiefer mit ihrer eigenen Berufung, ihren Möglichkeiten und ihrer Zukunft in Berührung

kommen können. Das spüren Menschen. Das schätzen Menschen. Und ich glaube, dass

uns genau das als Kirche immer wieder neu guttut: Menschen nicht nur zu sagen, dass ihr

Leben eine Berufung hat, sondern ihnen auch konkrete Wege anzubieten, dieser Berufung

auf die Spur zu kommen.

Übrigens: Für den 30. Lehrgang Berufungscoaching-WaVe, der Ende September startet,

gibt es derzeit noch einige freie Plätze. Da der erste Teil dieses Lehrgangs diesmal online

stattfindet, könnte das auch für Interessent:innen aus dem Bistum Fulda eine gute und

unkomplizierte Gelegenheit sein, teilzunehmen und die Methode näher kennenzulernen.

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